"Stillen ist kein Selbstläufer, sondern harte Arbeit!"

Mona ist 27 Jahre alt, verheiratet, hat einen Sohn und ist seit Ende 2015 Hebamme. Sie ist angestellt im Marienhospital Stuttgart derzeit jedoch in Elternzeit. Seither betreut sie Familien in der aufregenden Zeit der Schwangerschaft und im Wochenbett.

 

Kann man sich irgendwie auf das Stillen vorbereiten und wenn ja, wie?

Meist braucht dein Kopf mehr Vorbereitung auf das Stillen, als dein Körper. Die beste Vorbereitung auf das Stillen ist meiner Meinung nach das Aneignen von Wissen. Lies dazu am besten einschlägige Bücher (z.B. „das Stillbuch“ von Hannah Lothrop) oder stöbere auf entsprechenden Blogs (z.B. „Stillkinder“ von Regine Gresens) - hier bekommst du umfangreiche Infos rund ums Thema Stillen. Auch gibt es mittlerweile Stillvorbereitungskurse, die ich durchaus sinnvoll finde. Eine körperliche Vorbereitung auf das Stillen ist im Normalfall nicht notwendig. Falls du dir Sorgen machst bezüglich deiner Form der Brustwarzen, sprich am besten deine Hebamme auch schon in der Schwangerschaft an.

 

Welche Rolle spielt das Stillen sowohl psychisch als auch physisch für das Neugeborene?

Auf diese Frage gibt es tatsächlich sehr viele Antworten. Ich versuche mich hier aber auf die wesentlichen zu konzentrieren:

Die Zusammensetzung der Muttermilch ist stets auf die spezifischen Bedürfnisse deines Babys angepasst und ist reich an Vitaminen und Abwehrstoffen, die das Baby vor Krankheitserregern schützen. Es gibt Studien, die zeigen, dass Babys, die in den ersten sechs Monaten ausschließlich gestillt werden, weniger häufig krank werden sowie, dass Allergien dadurch vorgebeugt werden können. Auch ist Stillen eine "Prophylaxe" gegen den plötzlichen Kindstod und unterstützt die Entwicklung und das Wachstum des Kindes bestmöglich. Bekannt ist auch, dass gestillte Kinder ein geringeres Risiko haben, in ihrem Leben übergewichtig zu werden und seltener an Diabetes mellitus erkranken. Was viele Mütter auch nicht wissen ist, dass eine Überernährung mit Muttermilch nicht möglich ist. Bezüglich der Beziehung zwischen Mutter und Kind ist noch zu erwähnen, dass das Hormon Oxytocin (Bindungs- und Liebeshormon) das beim Stillen ausgeschüttet wird, den Bindungsaufbau zwischen Mutter und Kind fördert und Stillen nicht nur den Hunger "stillt", sondern auch das Bedürfnis nach Wärme, Liebe, Geborgenheit und Verbundenheit.

 

Wie kann von Anfang an eine gute Basis für das Stillen gelegt werden?

Es gibt ein paar Dinge, die du schon in den ersten Tagen nach der Geburt beachten kannst, um einen bestmöglichen Stillstart zu haben: Gönne dir Ruhe und gutes Essen. Lass dich umsorgen von deinem Partner oder deiner Partnerin, deiner Mutter oder einer guten Freundin. Lege dein Baby am besten schon in der ersten Lebensstunde an, wenn dein Baby bereit dafür ist. Lege dein Baby schon bei den ersten Stillsignalen an. So kann es in Ruhe trinken bevor es vor Hunger ganz aufgeregt ist und weint. Erste Hungerzeichen sind Unruhe, Schmatzen, Suchbewegungen, saugen an der Hand. Es gilt Angebot und Nachfrage, d.h. wenn du dein Baby möglichst ausgiebig und oft anlegst, steigert das die Milchproduktion. So wird deine Milchmenge perfekt auf dein Baby abgestimmt. Achte darauf, dass dein Baby mindestens acht mal in 24 Stunden trinken sollte - gerne auch zehn bis zwölf mal. Versuche möglichst viel mit deinem Baby in direktem Hautkontakt zu kuscheln und deckt euch gegebenenfalls zusammen gut zu. Zögere bitte nicht, dir rechtzeitig Hilfe zu holen, wenn du dir unsicher bist, ob dein Baby richtig angelegt ist oder du Schmerzen beim Stillen hast.

 

Was sind häufige Probleme beim Stillen und wie kann man diesen präventiv oder repressiv entgegenwirken?

Grundsätzlich ist mir wichtig zu sagen, dass Stillen kein Selbstläufer ist. Stillen ist in der ersten Zeit nicht selten auch harte Arbeit. Bis Stillen schön und selbstverständlich ist, können gut und gerne bis zu drei Wochen vergehen. Mit viel Geduld und Spucke ist Stillen dann hoffentlich auch für dich das Normalste der Welt. Falls nötig hole dir rechtzeitig Hilfe bei deiner Hebamme oder einer Stillberaterin.

Das häufigste Problem sind vermutlich wunde Brustwarzen zu Beginn der Stillzeit. Bis zu einem gewissen Grad ist das auch ganz normal, Stillen ist eine ungewohnte „Belastung“ für deine Brustwarzen. Dann können ein paar Tropfen Muttermilch, verrieben auf der Brustwarze, spezielle Kompressen, Lanolin, sogenannte Brustdonuts oder auch Silberhütchen, hilfreich sein.

 

Wenn das Stillen nicht so funktioniert, wie man es sich wünscht oder es sich vorgestellt hat, was dann?

Es gibt nur sehr wenige Frauen, die tatsächlich aus anatomischen Gründen nicht oder nicht voll stillen können. Oft ist einfach fehlende Unterstützung das Problem. Also sorge gut für dich und nehme Hilfe an.

Wichtig ist mir auch zu sagen, dass keine Mama Stillen muss. Du stillst für dich und dein Baby und nicht für deine Hebamme, deinen Mann oder sonst jemanden. Deshalb darfst das auch du alleine mit deinem Baby entscheiden, ob und wie lange du stillst.

Falls das Stillen nicht ausreicht oder einfach keine Option für dich ist, gibt es natürlich auch Alternativen wie Pre-Milch.

 

Was sind wertvolle Tipps, die du gerne an werdende Mamas weitergeben möchtest?

Wenn du eine vertrauensvolle Hebamme für dein Wochenbett gefunden hast und es dir vorstellen kannst, eine ambulante Geburt zu haben, kann ich dir das nur wärmstens ans Herz legen. Ambulant bedeutet, dass du ca. vier bis sechs Stunden nach der Geburt nach Hause gehst. In den meisten Krankenhäusern ist aufgrund des Klinikalltags leider selten eine ruhige und entspannte Atmosphäre. Zu Hause bist du in deiner gewohnten Umgebung und dadurch selbst meist entspannter. Hier kannst du dein Neugeborenes völlig in Ruhe kennenlernen und ihr könnt einander viel intensiver genießen. Deine Hebamme steht dir mit Rat und Tat zur Seite.